Hans Wilhelm von Thümmel: Der Mann unter der 1000-jährigen Eiche

Hans Wilhelm von Thümmel ließ sich unter der 1000-jährigen Eiche von Nöbdenitz begraben.

Hans Wilhelm von Thümmel ließ sich 1824 unter der 1000-jährigen Eiche von Nöbdenitz begraben.

Im Postersteiner Nachbarort Nöbdenitz steht ein uralter Baum, im Volksmund genannt: 1000-jährige Eiche. Der Stamm ist seit Jahrhunderten völlig hohl, doch der Baum grünt noch jedes Jahr. In den Wurzeln des Naturdenkmals befindet sich eine außergewöhnliche Grabstelle: Die des Sachsen-Gotha-Altenburgische Ministers und Diplomaten Hans Wilhelm von Thümmel (1744-1824).

Thümmel arbeitete 57 Jahre im Staatsdienst der ernestiner Herzöge von Sachsen-Gotha und Altenburg. In der bewegten Zeit zwischen Französischer Revolution, Herrschaft Napoleons und Wiener Kongress stieg er vom Pagen zum Minister auf. Als Gesandter verbrachte er über ein Jahr im Paris Napoleons. Für das Herzogtum leistete Thümmel Großes, darunter die Vermessung und Kartierung des Altenburger Landesteils und den Bau des ersten Altenburger Krankenhauses, damals ein europäischer Musterbau. Zum Altersruhesitz wählte er sich das Rittergut Nöbdenitz, von wo aus es kein weiter Weg zum Musenhof Löbichau der Herzogin von Kurland war. Thümmel zählte dort zu den regelmäßigen Gästen.

Eine Frühstücksgesellschaft in der hohlen Eiche

Inspiriert von seiner Liebe zu aufklärerisch geprägten Landschaftsgärten und Architektur, verhalf Thümmel den neuen Gärten hierzulande zum Durchbruch. Er ließ die Wallanlagen in Gotha und den Altenburger Schlosspark im Stil der modernen englischen Landschaftsgärten umgestalten. Auf seinen Rittergütern in Nobitz und Nöbdenitz gestaltete er englische Gärten. In Untschen baute sich der Staatsmann ein “Chinesisches Badehaus”.

Hans Wilhelm von Thümmel wählte die 1000-jährige Eiche von Nöbdenitz zu seiner Grabstätte.

Hans Wilhelm von Thümmel wählte die 1000-jährige Eiche von Nöbdenitz zu seiner Grabstätte.

Thümmels besondere Liebe aber galt der knorrigen, alten Eiche von Nöbdenitz. Nach einem Gewittersturm, der den Hauptast abbrach, kaufte der Minister den Baum der örtlichen Kirchgemeinde ab und wählte sie sich zu seiner zukünftigen Grabstätte. Er ließ den Baum nicht nur vom bekannten Kupferstecher Adrian Zingg für die Herzogin von Kurland zeichnen. Es gibt auch Berichte, dass er im Baum kleine Gesellschaften abhielt, zum Frühstück ludt oder dort ausruhte und seine gewitzten Aphorismen schrieb.

Als Thümmel 1824 starb, wurde er wunschgemäß in der Eiche bestattet. Im Kirchenarchiv Nöbdenitz gibt es ein Schreiben des Kanzlers Trützschler, der die Bestattung in einer gemauerten Gruft offiziell genehmigt. Der Pfarrer berichtet vom Hergang der Beerdigung. Der Dresdner Studiendirektor und Oberinspektor der Altertumsmuseen, ebenfalls Gast am Musenhof Löbichau, schrieb in seinem Nachruf auf Thümmel 1824 in der Abend-Zeitung:

Er hatte in den, sein Gut Nöbdenitz (eine Stunde von Ronneburg) umgebenden Lustwegen eine gewaltige Eiche in ihrem Innern so einrichten lassen, daß sich darin ein bequemer Moossitz und auch noch Platz für eine kleine Gesellschaft befand. In diese Baum-Lesche, wie sie ein Altenburger Antiquar einst benannte, pflegte er sich noch im höchsten Alter während des Sommers niederzusetzen und im kühlenden Schatten auszuruhen. Dort schrieb er auch einige der Aphorismen nieder, wovon er zwei Sammlungen bloß als Manuscript für Freunde drucken ließ und in welche er über Hofhaushalt und die mannigfaltigsten Lebensverhältnisse, die den bis ins höchste Alter in der Erinnerung und Gegenwart kräftigen Greis oft noch ein Lächeln abgewannen, so wie über alle Umtriebe des großen geschäftigen Bienenkorbes, den uns einst Mandeville beschrieb, seine Bemerkungen niederlegte.”

Ein Teil der Ausstellung zur Salongeschichte im Museum Burg Posterstein widmet sich auch Hans Wilhelm von Thümmel. Ausführliche Informationen zum Leben und Wirken, zu seinen Rittergütern und zur 1000-jährigen Eiche gibt es in der 2016 erschienen Biografie. Das letzte Kapitel behandelt das Alter des Baumes: Ist die Eiche wirklich 1000 Jahre alt? Ja, meint Dr. Matthias Schütze in seiner Analyse.

thuemmel-umschlagl“Im Dienste der Ernestiner” – Umfangreiche Biografie Hans Wilhelm von Thümmels:

Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister, Museum Burg Posterstein 2016
168 Seiten, farbig, ISBN 978-3-86104-136-8, 20.00 Euro. Die Thümmelschen Karten sind dem Katalog auf DVD beigelegt.

Erhältlich im Museum, auch per Post. Bestellung via (034496) 22595 oder museum@burg-posterstein.de.